Kategorie: Lavinia Berton

Lavinia Berton wuchs zwischen München und Venedig auf – in einem Umfeld, das von Kunst, Handwerk und kultureller Verantwortung geprägt war. Als Tochter der Designerin Elena Berton begleitete sie früh Werkstattbesuche und Produktionsprozesse, lernte Materialien in ihrer haptischen Qualität kennen und entwickelte ein feines Gespür für Form, Herkunft und Ausführung. Diese sinnliche Nähe zum Handwerk bildet bis heute die Grundlage ihrer gestalterischen Haltung.

Gemeinsam mit ihrer Mutter entstand die Idee eines zeitgenössischen italienischen Kulturhauses – ein Raum, der Gestaltung, Tradition und Werte verbindet. Ein zentrales Element ist die von Lavinia initiierte Home Line, in der sie ihre eigene Formensprache entfaltet: klar, materialbewusst und tief verwurzelt im italienischen Erbe. Die Objekte tragen eine stille Selbstverständlichkeit, die aus präziser Ausführung und kulturellem Bewusstsein erwächst.

Mit der Gründung von LAV schafft Berton eine Plattform für die enge Zusammenarbeit mit Artigiani. Im Dialog entstehen Arbeiten, die nicht nur funktionale Gegenstände sind, sondern Träger von Geschichte und gelebtem Wissen. LAV versteht sich als Beitrag zum Erhalt und zur Weitergabe dieses Patrimonio – als zeitgenössische Praxis, die Handwerk als kulturelle Substanz begreift.

Lavinia Berton

Q&A mit den Künstlerinnen und Künstlern:

Die Ausstellung ARTIFICIAL? Spuren des Gegenwärtigen vereintArbeiten, die unsere Wahrnehmung hinterfragen. Realität erscheint dabei nicht als gegeben, sondern als etwas, das ständig angeeignet wird. ARTIFICIAL? stelltin Frage, ob das, was wir sehen und erleben, nicht immer schon gemacht, konstruiert und vermittelt ist.

1) Wie setzt sich Deine Arbeit mit Wirklichkeit und deren Konstruktion auseinander und welche „Spuren des Gegenwärtigen“ werden darin sichtbar?

Meine Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Material, Erinnerung und Wahrnehmung. Glas erscheint auf den ersten Blick transparent und objektiv. Es scheint nichts zu verbergen. Doch gerade diese Transparenz ist eine Konstruktion. Licht, Raum und Blickwinkel verändern das Objekt ständig. Die Vase ist nie dieselbe, weil unsere Wahrnehmung nie dieselbe ist.
Ich arbeite mit organischen Formen und einem klar gesetzten Strich, der wie eine Spur durch das Objekt verläuft. Dieser Strich ist für mich eine bewusste Setzung, ein Eingriff, der die Form strukturiert und ihr eine Richtung gibt. Er verweist darauf, dass Gestaltung niemals neutral ist. Jede Linie, jede Erhebung, jede Farbwahl ist eine Entscheidung, die Realität interpretiert.
Die „Spuren des Gegenwärtigen“ zeigen sich in der Spannung zwischen Tradition und zeitgenössischer Formensprache. Meine Arbeit entsteht im Kontext einer jahrhundertealten Glasproduktion in Murano und formuliert dennoch eine eigene heutige Perspektive. Das Objekt trägt Geschichte in sich und ist zugleich Ausdruck eines gegenwärtigen Blicks auf Materialität, Ruhe und Reduktion.
Wirklichkeit wird in meinen Arbeiten nicht abgebildet, sondern verdichtet. Sie zeigt sich im Zusammenspiel von Licht, Oberfläche und Raum sowie im Moment der Begegnung mit dem Betrachter.


2) Wie entsteht Deine Arbeit von der ersten Idee bis zur Fertigstellung und welche Rolle spielt dabei Deine Darstellungsweise?

Ich ziehe einen Großteil meiner Inspiration aus der Natur. Bei diesen Vasen war es die Oberfläche des Meeres. Mich interessiert dabei weniger das Motiv als das Prinzip von Bewegung, Licht und Struktur. Die entstehenden Reflexionen und Verschiebungen übersetze ich in eine organische Form, die Dynamik und Struktur miteinander verbindet.
Der Entstehungsprozess ist ein Dialog mit dem Material. Glas reagiert auf Hitze, Druck und Zeit. Es besitzt eine eigene Dynamik, die sich nicht vollständig kontrollieren lässt. In der Zusammenarbeit mit den Glasmeistern in Murano wird aus einer Idee eine physische Realität. Jede Phase vom Entwurf bis zum Abkühlen des Glases ist ein Aushandeln zwischen Intention und Materialverhalten.
Dabei ist meine persönliche Präsenz im Produktionsprozess entscheidend. Jede Nuance ist ausschlaggebend für die Wirkung des Objekts. Die Proportionen, der Verlauf des Strichs, die Tiefe und die Platzierung der Dellen bestimmen die innere Balance der Form. Kleine Verschiebungen verändern die Spannung des gesamten Körpers. Deshalb begleite ich jeden Schritt der Umsetzung unmittelbar.
Meine Darstellungsweise ist bewusst reduziert. Die organische Form, die sanften Dellen und der durchlaufende Strich sind keine dekorativen Elemente, sondern strukturelle Entscheidungen. Sie ordnen die Wahrnehmung und geben dem Objekt eine innere Spannung.
Transparenz spielt dabei eine zentrale Rolle. Licht wird Teil der Arbeit. Je nach Raum, Tageszeit und Blickwinkel verändert sich die Wirkung des Objekts. So entsteht keine festgelegte Form, sondern eine Arbeit, die sich immer wieder neu erschließt.